Erfolgreich gegen den Strom: So gelingen Innovationen in der Chemischen Industrie

Wenn es darum geht, innovative Produkte zu entwickeln, dann haben oft diejenigen Mitarbeiter die Nase vorn, die ihr Denken und Handeln nicht den Prozessen und Systemen einer großen Organisation unterordnen müssen. Voraussetzung dafür: Ein Management, das dies zulässt.

Dr. K. und die U-Boot-Forschung

Kennen Sie Dr. K.? Er ist Produktentwickler in der Chemischen Industrie. Und zwar ein sehr guter Produktentwickler. Er hält viele Patente und hat etliche Produkte erfolgreich in den Markt eingeführt. Alle sprechen ihn an, wenn sie fachliche Fragen oder Probleme haben, mit denen sie nicht weiterkommen. Dr. K. ist aber auch ein schwieriger Charakter. Eigenwillig, oft etwas rechthaberisch, auf alle Fälle nicht so richtig angepasst an die stromlinienförmige Organisation, in der er arbeitet. Deshalb denken seine Führungskräfte, dass sie ihn managen müssen. Sie schreiben ihm Prozesse, Systeme, Formulare vor. Wie alle Mitarbeiter in einer großen, etablierten Organisation muss sich auch Dr. K. in diese Prozesse einfügen. Und das tut er, natürlich, denn er ist ein guter Mitarbeiter.

In der Chemieindustrie sind die Forscher erfolgreich, die sich nicht immer zu hundert Prozent an Prozesse und Systeme halten müssen.

Erfolgreiche Forscher in der Chemieindustrie dürfen gegen den Strom schwimmen.

Dr. K. entwickelt also seine neuen, innovativen Produkte innerhalb des Systems, so gut er es kann und möchte. Manchmal macht er nur das, was es unbedingt braucht, um die Anforderungen des Systems zu erfüllen. Das System gängelt ihn, macht ihn langsam, raubt seine Zeit und Energie – die ihm dann fehlen, um sich um das zu kümmern, was er am besten kann: innovative neue Produkte zu entwickeln.

Immer wieder nutzt er aber auch das System, um seine eigenen Ideen umzusetzen. Zum Beispiel wenn es eine neue Initiative zu irgendeinem Thema gibt. Dann geht er mit seiner Idee an den Start und überzeugt die Organisation davon, warum seine Idee gerade jetzt die Richtige ist. Unter dem Strich heißt das: Dr. K. entwickelt seine guten Ideen und innovativen Produkte trotz des Systems oder neben dem System, oft auch unterhalb des Systems. Er betreibt sozusagen U-Boot-Forschung.

Potenzial und Stärke entfalten sich außerhalb der Prozesse

Deshalb mein provokanter Vorschlag an alle Chefetagen in der Chemischen Industrie: Lassen Sie Ihre Dr. K.s ungemanagt! Natürlich ist nicht jeder in der Forschungsorganisation ein Dr. K. Dort gibt es sicherlich auch Mitarbeiter, die Systeme, Prozesse und Kontrolle brauchen. Aber ich glaube: Es gibt in jeder forschenden Chemie-Organisation ein paar wenige gute Star-Entwickler.

Auch hier passt das Pareto-Prinzip: In jeder Organisation sind es 20 Prozent des Teams, die 80 Prozent zum Erfolg des Ganzen beitragen. In einer kleinen Organisation gibt es vielleicht zwei, drei Menschen, in einer großen zehn oder fünfzehn, auf die sich die meisten Patente und erfolgreichsten Produkte zurückführen lassen. Es sind die Menschen, die jenseits jeder Zuständigkeit vom Betrieb, von neuen Mitarbeitern oder vom technischen Service angerufen werden. Sie lassen sich auf alle Fälle identifizieren! Und genau diese Menschen sind es, die das Management so frei wie nur möglich arbeiten lassen sollte. Denn nur dann können sie innovativ sein. Sie sind nicht innovativ, wenn sie streng innerhalb der Prozesse agieren müssen. Sie sind oft innovativ trotz des Prozesses. Aber erst wenn sie so viel Freiheit wie möglich bekommen, können sie ihr Potenzial und ihre Stärken richtig entfalten.

Vertrauen: Dann klappt es auch mit der Innovation

Was bedeutet diese Freiheit konkret? Schaffen Sie eine Umgebung, in der die Star-Innovatoren des Teams mehr Ressourcen bekommen als die anderen – indem sie zum Beispiel mehr Budget erhalten oder mit ihrem Budget freier umgehen können als die anderen; indem sie, ohne lange Anträge auszufüllen, Messen besuchen können; indem sie einfach zum Kunden fahren dürfen, ohne sich über Dienstreisekosten allzu viele Gedanken machen zu müssen.

Das Wichtigste aber ist: Die Dr. K.s der Chemischen Industrie brauchen Vertrauen. Wären sie nicht vertrauenswürdig und kompetent, hätte das Unternehmen sie nicht eingestellt. Und genau deshalb haben sie auch das Vertrauen der Führungskräfte verdient – Vertrauen darauf, dass sie innovative Produkte entwickeln, die das Unternehmen nach vorne bringen.